ANDREAS KERSCHBAUMER (Die Presse)

Die Europäische Zentralbank wird den Leitzins in diesem Jahr wohl nicht mehr erhöhen. Die Sparzinsen bleiben daher niedrig. Verteuern werden sich aber die Darlehen. Grund dafür sind steigende Geldmarktzinsen.

Wien. Wenn es um Zinsen geht, gibt es entweder für Sparer oder für Kreditnehmer gute Nachrichten. Normalerweise. Dieses Mal sind es nur schlechte.
Bis vor Kurzem erwarteten die meisten Volkswirte, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen ab Mitte des Jahres erhöhen wird. Mittlerweile gehen die Analysten fast einhellig davon aus, dass der Zinssatz (zu dem sich vereinfacht ausgedrückt Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen) bei einem Prozent belassen wird. „Wir prognostizieren, dass der Leitzinssatz für den Euro bis Dezember nicht angehoben wird“, sagt Valentin Hofstätter, Volkswirt der Raiffeisen Zentralbank (RZB). „Die wirtschaftliche Erholung in der Eurozone geht noch sehr schleppend voran, die Inflation ist weiter niedrig“, begründet Erste-Analystin Gudrun Egger die Zinspolitik der EZB.

So weit die schlechte Nachricht für die Sparer, die weiter mit niedrigen Zinsen rechnen müssen. Die Kreditnehmer profitieren davon aber nicht. „Die Kreditzinsen werden hinaufgehen – schon lange, bevor es die Leitzinsen tun“, sagt RZB-Volkswirt Hofstätter. Soll heißen: Die Sparzinsen bleiben auf Rekordtief, während sich die Kreditzinsen erhöhen.

Euribor wird stark steigen“
Konsumentenschützern gefällt das gar nicht. Laut einer Erhebung der Arbeiterkammer (AK) verlangen die heimischen Banken derzeit für Kredite mit fünfjähriger Laufzeit Zinsen zwischen sechs und elf Prozent (inklusive aller Spesen). Eine Entwicklung, die von der AK vehement kritisiert wird. „Höhere Kreditzinsen lassen sich absolut nicht rechtfertigen. Die Bankinstitute haben die Sparzinsen zuletzt kräftig gesenkt, das wäre bei den Darlehen auch angebracht“, moniert AK-Bankenexperte Christian Prantner.

Für die Banken werden die Zinserhöhungen allerdings ziemlich einfach zu argumentieren sein – nämlich mit steigenden Zinsen am Geldmarkt (an dem sich die Banken untereinander Geld leihen). Die EZB wird nämlich im Laufe des Jahres beginnen, überschüssige Liquidität aus den Märkten zu holen. Damit ist jenes Geld gemeint, das sie den Kreditinstituten massenweise und billig zur Verfügung stellte, um die Finanzkrise zu bekämpfen. Aus Sicht von Hofstätter wird die EZB damit Ende Juni beginnen. Da in der Folge das Angebot an billigem Geld zurückgehen wird, werden die Geldmarktzinsen steigen.

Der entsprechende Zinssatz für den Euroraum ist der sogenannte Euribor (Euro Interbank Offered Rate), an dem im Normalfall die variablen Euro-Kredite gebunden sind. Dieser Zinssatz werde sich von derzeit knapp 0,65Prozent bis Ende des Jahres verdoppeln, schätzen die Raiffeisen-Analysten.
Die bestehenden Euro-Darlehen mit variablem Zinssatz werden entsprechend teurer. Jene Kunden, die erst ein Darlehen brauchen, haben dagegen keine Wahl mehr, von billigeren Zinsen eines Franken-Kredits zu profitieren. Die heimischen Institute vergeben auf Anweisung der Finanzmarktaufsicht (FMA) keine Fremdwährungskredite mehr. Zu groß sei für die Privatkunden das Wechselkursrisiko, so die FMA.

Zinslücke auf Kosten der Kunden
Der Vorwurf von Konsumentenschützern, dass sich die Banken über ihre Zinspolitik auf Kosten der Kunden die Bilanzen aufbessern, wird durch Statistiken der Nationalbank aber zumindest teilweise bestätigt: 2008 gab es für Sparer beim Tagesgeld noch über zwei Prozent Zinsen, im Jahr 2010 waren es 0,62Prozent (laut aktuellstem Wert der Nationalbank, Anm.). Das ist ein Rückgang um fast 70 Prozent.

Auf der Gegenseite sind die Banken offensichtlich nicht so forsch. Die Zinsen für Überziehungskredite haben sie nicht wie die Sparzinsen um 75, sondern um 25Prozent gesenkt. Wenn also der Bankkunde sein Konto überzieht, wird er noch ziemlich stark zur Kasse gebeten.

Basel III: „Kredite werden teurer“
Dass die Kredite, wie es die Arbeiterkammer fordert, in Zukunft günstiger werden, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil, wenn die Banken die neuen, strengeren Kapitalregelungen („Basel III“ genannt) einführen müssen, könnte es eine neuerliche Teuerungswelle geben. Die Institute müssen nämlich die Kredite mit mehr Eigenkapital unterlegen.

„Sollten die Regelungen in der scharfen Form kommen wie derzeit diskutiert, verteuert das die Kredite für die Kunden“, warnt Alois Hochegger, Präsident der österreichischen Sparkassen.

?Analysten gehen mehrheitlich davon aus, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins für den Euro in diesem Jahr nicht mehr anhebt.
?Die Sparzinsen werden weiter niedrig bleiben. Das gilt aber nicht für die Kreditzinsen. Laut Prognose der Raiffeisen-Analysten wird sich der für viele Kredite wegweisende Euribor bis Jahresende verdoppeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2010)